Flavescence dorée der Rebe (Flavescence dorée) zählt zu den gravierendsten Bedrohungen des modernen Weinbaus. Die Phytoplasme selbst (Grapevine flavescence dorée phytoplasma, FDp), die die Krankheit verursacht, ist gewissermaßen ein „Gefangener“ im Bastgewebe (Phloem) der Rebe – ohne fremde Hilfe kann sie sich nicht von Ort zu Ort bewegen. Die eigentliche Katastrophe beginnt erst, wenn ihr Komplize auf den Plan tritt: die Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus). Dieses winzige Insekt wirkt beim Saugen als hocheffizienter Überträger, der die Infektion von Stock zu Stock verbreitet. Neueste Forschungsergebnisse bestätigen jedoch, dass es sich nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen Insekt und Rebe handelt. Die gesamte umgebende Landschaft spielt mit – von Erlen entlang von Bächen bis hin zu verwilderten Reben in Wäldern, die als versteckte Infektionsreservoire dienen. Genau diese Vernetzung entscheidet darüber, ob das Problem auf wenige kranke Stöcke begrenzt bleibt oder ob eine verheerende Epidemie ausbricht – wie jene, die wir heute erleben.


Ursprung der Krankheit

Lange Zeit ging man davon aus, dass Flavescence dorée zusammen mit Unterlagen aus Amerika nach Europa eingeschleppt wurde, doch die molekulargenetische Forschung hat diesen Mythos widerlegt. Phytoplasmen der Gruppen 16SrV-C und 16SrV-D sind in Europa heimische Organismen. Zu ihren natürlichen Reservoiren zählen europäische Erlen (Alnus glutinosa, Alnus incana), Gemeine Waldrebe (Clematis vitalba) sowie der invasive Götterbaum (Ailanthus altissima). Die zerstörerische Epidemie entstand erst, als dieser einheimische europäische Erreger mit der invasiven nordamerikanischen Zikade Scaphoideus titanus in Kontakt kam, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Europa gelangte. Dieses Insekt, das strikt an Reben gebunden ist (monophag), hat die Phytoplasme aus der Wildflora übernommen – höchstwahrscheinlich über andere polyphage Vektoren wie die Japanische Zikade Orientus ishidae oder die Erlenzikade Oncopsis alni, die sie von Erlen auf Reben übertragen – und begann sie anschließend massiv innerhalb der Weinberge zu verbreiten (OIV, 2025; OGGIER et al., 2024).


Was ist die Flavescence dorée-Phytoplasme und warum ist sie gefährlich?

Phytoplasmen sind extrem spezialisierte Mikroorganismen aus der Gruppe der Mollicutes, die mit Bakterien verwandt sind. Sie besitzen keine Zellwand, haben ein stark reduziertes Genom und leben strikt parasitisch – sie können ausschließlich in einer Wirtspflanze oder im Körper eines Insektenvektors überleben. Bei Flavescence dorée handelt es sich um Phytoplasmen der Gruppe 16SrV (insbesondere der Untergruppen 16SrV-C und 16SrV-D), die in Europa als Quarantäneschaderreger eingestuft sind und einer verpflichtenden Überwachung sowie phytosanitären Maßnahmen unterliegen (EFSA 2016; OIV 2025).

Zentrale Eigenschaft von Flavescence dorée: Sie besiedelt und schädigt ausschließlich das Phloem (Bast) – das Leitgewebe für den Transport von Assimilaten (Zuckern). Wird die Integrität des Phloems durch die Aktivität des Parasiten beeinträchtigt, leidet die Pflanze unter einem Assimilatdefizit. Das führt zu den typischen Symptomen: Vergilbung bei weißen Sorten und Rötung bei roten Sorten. Die Ausreife der Triebe verschlechtert sich deutlich, und sowohl Ertragsqualität als auch -menge brechen dramatisch ein. Ohne das Vorhandensein eines Vektors bleibt die Phytoplasme jedoch ein isoliertes Problem einzelner Rebstöcke – ein Insektenvektor ist unverzichtbar, damit sich eine Epidemie entwickeln kann.


Symptome: worauf im Weinberg zu achten ist

Symptome einer Infektion durch Flavescence dorée-Phytoplasmen können am gesamten Rebstock auftreten oder nur an einzelnen Trieben bzw. Triebteilen. Befallene Stöcke sind häufig unregelmäßig (herdförmig) im Bestand verteilt. Die Symptomintensität kann von Jahr zu Jahr schwanken – teils nimmt sie ab, teils steigt sie stark an.

Typischste Symptome an den Blättern

  • Farbveränderungen: Vergilbung bei weißen Sorten, Rötung bei roten Sorten. Zwischen den Blattadern treten häufig Nekrosen auf.
  • Veränderungen von Textur und Form: Blätter werden brüchig, zeigen einen charakteristischen metallischen Glanz, und ihre Ränder rollen sich typischerweise nach unten (dachförmig).

Symptome an Trieben und Trauben

  • Unzureichende Triebverholzung: Triebe zeigen eine unregelmäßige Ausreife (wechselnde grüne und verholzte Zonen), schwärzen im Winter und sterben zurück.
  • Degeneration von Blütenständen und Beeren: Blütenstiele vertrocknen, Beeren schrumpfen, weisen deutlich geringere Zuckergehalte und im Vergleich zu gesundem Lesegut unnatürlich hohe Säuregehalte auf.

Warnhinweis: Ähnliche Symptome (z. B. Blattvergilbung) können auch durch andere Phytoplasmen (z. B. Stolbur), Viruskrankheiten, physiologischen Stress oder Nährstoffmängel verursacht werden. Bei Verdacht auf Flavescence dorée ist eine Labordiagnostik unerlässlich, da es sich um einen regulierten Quarantäneschaderreger handelt (EFSA 2016; OIV 2025).


Mechanismus der Phytoplasmenübertragung

Nach der Aufnahme infizierten Phloemsaftes wird der Vektor nicht sofort infektiös. Es ist eine sogenannte Latenzzeit (typischerweise mehrere Wochen) erforderlich, in der die Phytoplasme durch den Insektenkörper wandert, die Speicheldrüsen besiedelt und sich vermehrt. Ab diesem Zeitpunkt bleibt das Insekt bis zum Ende seines Lebenszyklus infektiös (OIV 2025).


Infektionsprozess im Vektor: Schlüsselfasen

  • Akquisition (Aufnahme): Die Phytoplasme gelangt beim Saugen an einer infizierten Pflanze in den Mitteldarm des Insekts.
  • Durchdringung der Darmwand: Ein entscheidender Faktor ist das Oberflächenprotein der Phytoplasme VmpA, das als Adhäsin wirkt und dem Erreger ermöglicht, an Epithelzellen des Darms anzuheften.
  • Migration und Kolonisation: Nach dem Überwinden der Darmbarriere verbreitet sich die Phytoplasme über die Hämolymphe (die „Blut“-Ersatzflüssigkeit der Insekten) und besiedelt selektiv die Zellen der Speicheldrüsen.
  • Inokulation (Übertragung): Beim anschließenden Saugen an einer gesunden Pflanze wird die Flavescence dorée-Phytoplasme zusammen mit dem Speichel direkt in das Phloem injiziert.

Scaphoideus titanus: der dominierende Vektor der Epidemie

Die Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus Ball) ist der wichtigste Vektor, der für die schnelle sekundäre Ausbreitung des Erregers innerhalb von Weinbergen verantwortlich ist. Diese nordamerikanische Art wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Europa eingeschleppt (vermutlich mit Unterlagsmaterial). Ihre epidemiologische Bedeutung beruht auf der engen trophischen Bindung an die Gattung Vitis, was sie unter europäischen Bedingungen zum effizientesten Überträger der Infektion macht (EFSA 2016; OIV 2025).

Lebenszyklus und Bionomie

  • Generation: Die Art ist univoltin (bildet eine Generation pro Jahr).
  • Überwinterung: Die Weibchen legen im Spätsommer Eier unter die Rinde von zweijährigem und älterem Holz, wo diese eine Winterdiapause durchlaufen.
  • Schlupf und Entwicklung: Die Nymphen schlüpfen im Mai und durchlaufen fünf Entwicklungsstadien (Instars). Sie finden sich vor allem auf der Blattunterseite und an basalen Wasserschossern am Stamm.
  • Adulte Tiere (Imagines): Nach Erreichen des Erwachsenenstadiums und Abschluss der Latenzzeit verbreiten sie die Infektion aktiv im gesamten Weinberg.

Fortgeschrittene Studien mittels Elektropenetrographie (EPG) haben gezeigt, dass Scaphoideus titanus in der Lage ist, eine Mischung aus Phloem- und Xylemsäften aufzunehmen. Dieser Befund ist bedeutsam, da er ein theoretisches Potenzial des Vektors nahelegt, auch andere gefährliche, an Xylemgefäße gebundene Erreger zu übertragen – etwa Xylella fastidiosa (Chuche et al. 2017; Gonella et al. 2024).

Scaphoideus titanus – einer der bedeutendsten Schädlinge der Weinrebe
Scaphoideus titanus – eine nordamerikanische Zikadenart aus der Familie Cicadellidae, die nach Europa eingeschleppt wurde und heute zu den bedeutendsten Schädlingen der Weinrebe zählt. Sie ist nahezu ausschließlich auf die Gattung Vitis spezialisiert und der wichtigste Überträger des Erregers der Goldgelben Vergilbung der Rebe (Flavescence dorée). Die Imagines sind unauffällig braun gefärbt, mit einem charakteristischen keilförmigen Körper und hoher Beweglichkeit, was ihre epidemiologische Bedeutung in Weinbaugebieten erhöht.

Der Aufstieg alternativer Vektoren: ein komplexeres Übertragungsnetzwerk

Während Scaphoideus titanus der wichtigste Treiber der sekundären Ausbreitung (Stock-zu-Stock) innerhalb des Weinbergs ist, betont die moderne Epidemiologie zunehmend die Bedeutung der Primärinfektion – also den Eintrag der Flavescence dorée-Phytoplasme von außerhalb des Weinbergs, etwa aus nicht forstlicher Gehölzvegetation oder brachliegenden Parzellen. In diesem Prozess spielen polyphage und alternative Vektoren eine Schlüsselrolle: Sie entwickeln sich an wildwachsenden Wirtspflanzen und fliegen nur sporadisch in Weinberge ein (EFSA 2016; OIV 2025).

Japanische Zikade (Orientus ishidae): Brücke zwischen Wald und Weinberg

Die asiatische Art Japanische Zikade (Orientus ishidae) wird in Europa intensiv als bedeutender alternativer Vektor von Flavescence dorée untersucht. Studien in der Schweiz, Italien und Deutschland bestätigten, dass diese Art häufig natürlich infiziert ist und die Phytoplasme erfolgreich übertragen kann. Im Gegensatz zur monophagen Amerikanischen Rebzikade entwickelt sich Orientus ishidae auf einem breiten Spektrum von Gehölzen, insbesondere auf Hasel (Corylus avellana) und Weiden (Salix spp.), von denen adulte Tiere in Produktionsweinberge migrieren (OGGIER et al., 2024; GUERRIERI et al., 2024; JARAUSCH et al., 2024).

Orientus ishidae – eine invasive Zikadenart aus Ostasien
Orientus ishidae – eine invasive Zikadenart (Familie Cicadellidae), die ursprünglich aus Ostasien stammt und sich in den letzten Jahrzehnten in vielen Teilen Europas ausgebreitet hat. Es handelt sich um eine polyphage Art, die an verschiedenen Gehölzen, darunter Weinreben, Obstbäumen und Ziergehölzen, saugt und als potenzieller Überträger von Phytoplasmen wirken kann. Die Imagines sind auffällig gezeichnet, mit einem bräunlich-gelben bis gestreiften Flügelmuster und einem charakteristischen keilförmigen Körper, der an schnelle Bewegung und Sprünge angepasst ist.

Dictyophara europaea und die Gemeine Waldrebe

Unter europäischen Bedingungen wurde ein Infektionszyklus beschrieben, in dem Flavescence dorée-Phytoplasmen in Populationen der Gemeinen Waldrebe (Clematis vitalba) zirkulieren. Die Übertragung auf Reben erfolgt über Dictyophara europaea. Diese Übertragungslinie ist zentral, um die Diversität von Flavescence dorée-verwandten Phytoplasmen in natürlichen Lebensräumen zu verstehen. Zugleich erklärt sie, warum neue Befallsherde auch in Regionen mit präzisem Management der Amerikanischen Rebzikade auftreten können (Filippin et al. 2009; CABI compendium 2024).

Dictyophara europaea – vor allem in Süd- und Mitteleuropa verbreitet
Dictyophara europaea – eine größere Zikadenart aus der Familie Dictyopharidae, die vor allem in Süd- und Mitteleuropa in wärmeren, trockeneren Lebensräumen verbreitet ist. Sie zeichnet sich durch einen verlängerten Kopf mit einem charakteristischen, nach vorne gerichteten Fortsatz sowie eine grüne bis grünlich-braune Färbung aus, die eine gute Tarnung im Bewuchs ermöglicht. Sie ernährt sich durch das Saugen von Pflanzensäften und wird in einigen Regionen als potenzieller Überträger von Pflanzenpathogenen, einschließlich Phytoplasmen, beobachtet.

Erlen als Reservoir und die Rolle heimischer Zikadenarten

Ein erheblicher Anteil der 16SrV-Phytoplasmenpopulationen in Europa kommt in natürlichen Ökosystemen vor, insbesondere auf Erlen (Alnus spp.), oft ohne sichtbare Symptome. Das Risiko besteht darin, dass das Vorhandensein geeigneter Vektoren in Regionen mit Erlenbeständen den Eintritt des Erregers in das Weinbausystem auslösen kann. Umfangreiche Übertragungsversuche in Deutschland unterstrichen die Bedeutung von Zikaden der Gattung Allygus sowie der Erlenzikade (Oncopsis alni), die für die Zirkulation der Phytoplasme in Erlenpopulationen entscheidend sind. Während Oncopsis alni strikt an Erlen gebunden ist, sind Allygus-Arten polyphag und können die Phytoplasme von Erlen auf andere Wirtspflanzen übertragen – und damit den Weg für eine anschließende Infektion der Rebe öffnen (JARAUSCH et al., 2024; JOVIĆ et al., 2024).

Oncopsis alni – vor allem auf Erlen spezialisiert
Oncopsis alni – eine kleine Zikadenart (Familie Cicadellidae), die vorwiegend auf Erlen (Alnus spp.) spezialisiert ist, wo sie durch das Saugen von Phloemsaft lebt. Sie weist typischerweise eine bräunlich-rote bis braune Färbung auf, mit transparenten, fein geäderten Flügeln und einem keilförmigen Körper, der an schnelle Sprünge angepasst ist. Sie kommt hauptsächlich in Europa in Lebensräumen mit Erlenvorkommen vor, insbesondere entlang von Gewässern und an feuchteren Standorten.

Vektoren greifen aus der umgebenden Vegetation an

Einer der überzeugendsten Belege dafür, dass Flavescence dorée nicht nur ein Problem der Weinberge ist, ist der sogenannte Randeffekt (border effect). Studien aus Italien (Piemont, Friuli Venezia Giulia) haben wiederholt gezeigt, dass das Auftreten symptomatischer Rebstöcke sowie die Populationsdichte des Insektenvektors Scaphoideus titanus an Weinbergsrändern, die an Wälder oder brachliegende Flächen grenzen, deutlich höher ist. In Richtung Weinbergsinneres nimmt die Befallsintensität ab (PAVAN et al., 2012; RIPAMONTI et al., 2020).

Untersuchungen mit der Markierungs–Wiederfang-Methode zeigten, dass Scaphoideus titanus zwar kein starker Flieger ist und 80 % der adulten Tiere nur Distanzen bis 30 Meter zurücklegen, einzelne Individuen jedoch bis zu 330 Meter fliegen können (OIV, 2025). Befindet sich innerhalb dieses Radius eine externe Infektionsquelle, ist der Weinberg unmittelbar bedroht.


Verwilderte Reben als Infektionsreservoir

Die größte unmittelbare Gefahr für gesunde Produktionsanlagen geht von aufgegebenen Weinbergen und verwilderten amerikanischen Unterlagen (z. B. Vitis riparia, Vitis rupestris und deren Hybriden) in der angrenzenden Landschaft aus. Diese Pflanzen sind gegenüber Flavescence dorée-Phytoplasmen hoch empfänglich, zeigen jedoch – anders als die europäische Rebe (Vitis vinifera) – häufig keine sichtbaren Symptome (OIV, 2025). Sie bieten daher ideale Bedingungen für eine massenhafte Vermehrung der Amerikanischen Rebzikade, die sich dort ohne Insektiziddruck entwickeln kann. Eine Studie aus dem Piemont zeigte, dass der Anteil infizierter Scaphoideus titanus-Individuen, die in Wildvegetation gefangen wurden, bis zu 48 % betrug, während er direkt im Weinberg bei 34 % lag (RIPAMONTI et al., 2020). Diese Lianen bilden somit ein dauerhaftes Reservoir infektiöser Vektoren, die in bewirtschaftete Anlagen einfliegen.


Paradigmenwechsel: ein offener epidemiologischer Zyklus

Diese Erkenntnisse führen zu einem grundlegenden Wandel im Verständnis der Epidemiologie von Flavescence dorée. Fachleute unterscheiden heute zwei Ausbreitungstypen (BOSCO, 2024):

Sekundäre Ausbreitung (geschlossener Zyklus): Übertragung von einem infizierten Rebstock auf einen gesunden innerhalb des Weinbergs. Der alleinige Treiber dieses Zyklus ist die Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus).

Primäre Ausbreitung (offener Zyklus): Eintrag der Phytoplasme aus Wildpflanzen (Erlen, Hasel, Gemeine Waldrebe) in den Weinberg. Dies wird durch polyphage alternative Vektoren (z. B. Orientus ishidae, Dictyophara europaea oder Oncopsis alni) ermöglicht, die sich in natürlichen Lebensräumen infizieren und anschließend in Weinberge einwandern. Sobald sie die ersten Rebstöcke infizieren, entsteht eine Quelle, die Scaphoideus titanus dann ausnutzt und eine lokale sekundäre Epidemie auslöst.

Schutz beginnt jenseits der Weinbergsgrenze

Wenn der Weinberg durch das Umfeld gefährdet ist, muss der Schutz über seine Grenzen hinausreichen. Dieser Ansatz wird als Habitat Management (HM) bezeichnet. Da Insektizidanwendungen in Waldbeständen und auf unbewirtschafteten Flächen in der Regel nicht zulässig sind, werden gezielte mechanische Eingriffe in die Landschaft zur Schlüsselmaßnahme.


Hasel und Orientus ishidae

Eine Fallstudie aus der Schweiz (Kanton Tessin) testete die Wirkung eines gezielten Eingriffs in Haselbeständen an Weinbergsrändern. Das Entfernen basaler Austriebe der Gemeinen Hasel (Corylus avellana), die als Wirt und Rückzugsort für die Japanische Zikade (Orientus ishidae) dient, brachte deutliche Ergebnisse. Es wurde bestätigt, dass dieses Habitat-Management den lokalen Vektordruck drastisch senken und das Risiko eines primären Eintrags der Flavescence dorée-Phytoplasme in Produktionsweinberge minimieren kann (Oggier et al. 2025).

Wichtiger praktischer Hinweis: Habitat Management ist keine einmalige Maßnahme, sondern ein langfristiges Pflegekonzept. Es muss mit dem Biodiversitätsschutz sowie den lokalen Vorschriften zur Bewirtschaftung nicht forstlicher Gehölzvegetation in Einklang stehen.


Eine integrierte Schutzstrategie gegen Flavescence dorée

Eine erfolgreiche Bekämpfung von Flavescence dorée erfordert eine Kombination von Maßnahmen, die beide Ausbreitungswege des Erregers adressieren – innerhalb des Weinbergs und in der umgebenden Landschaft:

Schutz im Weinberg (Eliminierung der sekundären Ausbreitung)

  • Präzises Monitoring der Vektoren: Regelmäßige Kontrolle von Nymphen und Adulten mittels gelber Klebetafeln und Sichtkontrollen. Phytosanitäre Maßnahmen müssen im exakten Zeitfenster entsprechend der Bionomie der Amerikanischen Rebzikade erfolgen.
  • Konsequente Beseitigung von Infektionsquellen: Sofortiges Entfernen und sichere Entsorgung symptomatischer Rebstöcke gemäß den in der Region geltenden Quarantänevorschriften.
  • Innovative nicht-chemische Technologien: Perspektivisch sind nicht-chemische Methoden wie die vibrationsbasierte Paarungsstörung (VMD), die die akustische Kommunikation der Insekten stört und ihre Fortpflanzung ohne Insektizide effektiv verhindert.

Schutz im Umfeld (Eliminierung der Primärinfektion)

Da der Erreger häufig aus der Umgebung einfliegt, muss die Hygiene auch jenseits des Weinbergs fortgesetzt werden:

  • Kartierung von Risikozonen: Identifikation aufgegebener Weinberge, verwilderter Reben in Wäldern, verholzter Saumstrukturen, Erlenbestände sowie Wirtspflanzen für alternative Vektoren. Deren Entfernung im Umkreis von 300 Metern um den Produktionsweinberg ist entscheidend.
  • Zielgerichtetes Habitat Management – Reduktion des Risikos aus angrenzenden Beständen: Praktisches HM zielt darauf ab, den Lebenszyklus alternativer Vektoren in unmittelbarer Nähe von Weinbergen zu unterbrechen. Besonders im Fokus steht die Gemeine Hasel (Corylus avellana) als Hauptwirt der Japanischen Zikade (Orientus ishidae).
  • Mechanismus des Eingriffs: Habitat Management wird nicht flächig im gesamten Wald durchgeführt, sondern konzentriert sich auf Pufferzonen von 30–100 Metern Breite ab Weinbergsrand. Dabei werden Waldränder, Feldgehölze und heckenartige Saumstrukturen mechanisch von jungen Austrieben und basalen Stockausschlägen wirtsspezifischer Gehölze bereinigt. Genau auf diesen jungen Trieben schlüpfen und entwickeln sich die alternativen Vektoren. Die gezielte Entfernung dieser Ruten in der kritischen Phase (vor dem Erreichen des Adultstadiums) reduziert die lokale Vektorpopulation drastisch. Dadurch sinkt die Zahl geflügelter Adulttiere, die andernfalls in den Weinberg einwandern und Reben mit Flavescence dorée-Phytoplasmen infizieren würden, die sie zuvor an Hasel aufgenommen haben.
  • Ökologischer Nutzen: Im Gegensatz zur vollständigen Entfernung ganzer Strauchbestände lässt die selektive Eliminierung von Austrieben ältere Gehölze unangetastet. So bleiben Biodiversität und Nistmöglichkeiten für Vögel erhalten, während das epidemiologische Risiko für Reben wirksam gesenkt wird.
  • Nachbarschaftliche Zusammenarbeit: Kein Winzer kann den Kampf gegen Flavescence dorée allein gewinnen. Wenn ein Nachbar seine Parzelle verwildern lässt, gefährden dessen verwilderte Reben Ihre Ernte. Der Schutz muss regional koordiniert erfolgen.
PROFI-TIPPS FÜR WINZER
  • Richtiger Zeitpunkt: Führen Sie die mechanische Entfernung basaler Austriebe im Umfeld des Weinbergs im Mai durch. Dann treffen Sie die Nymphen der Vektoren im empfindlichsten Entwicklungsstadium.
  • Entsorgung des Holzes: Lassen Sie gerodete infizierte Rebstöcke nicht in Haufen neben dem Weinberg liegen. In alter Rinde können Eier der Zikaden überdauern, die im Frühjahr ihren Zyklus vollenden. Das Holz sollte so rasch wie möglich entsorgt werden (verbrennen/häckseln).
  • Herkunft des Pflanzmaterials: Grundlage der Prävention bleibt gesundes Pflanzgut. Verlangen Sie einen Pflanzenpass, der die Testung auf Quarantäne-Phytoplasmen bestätigt.

Zusammenfassung: ein neuer Blick auf den Rebschutz

Die Zeit, in der es ausreichte, den Weinberg zur richtigen Zeit gegen die Amerikanische Rebzikade zu spritzen, geht zu Ende. Flavescence dorée ist eine komplexe Herausforderung. Zu verstehen, dass ein Weinberg keine isolierte Insel ist, sondern Teil einer größeren Landschaft, ist der erste Schritt, um diese Quarantänebedrohung erfolgreich zu managen.

Kernaussage: Eine erfolgreiche Strategie beruht heute auf zwei Säulen: strikte Hygiene im Weinberg (Monitoring und Entfernen kranker Rebstöcke) und aktives Management des Umfelds. Die Zukunft gehört Technologien, die die Biologie der Insekten verstehen – sei es durch Störung ihrer Kommunikation mittels Vibrationen oder durch gezielte Eingriffe in ihre natürlichen Rückzugsräume in der Landschaft. Nur so lässt sich diese Quarantänebedrohung unter Kontrolle halten.