Praktischer saisonaler Kalender des biologischen Pflanzenschutzes im Weinbau für Mitteleuropa

Der moderne Weinbau orientiert sich zunehmend an Pflanzenschutzsystemen, die ökologische Prinzipien respektieren, die natürliche Widerstandsfähigkeit der Reben fördern und Rückstände von Pflanzenschutzmitteln sowohl im Boden als auch in der Ernte minimieren. Die Grundlage dieses Ansatzes ist die Kombination aus biologischen Präparaten, Kupfer, Schwefel sowie geeigneten weinbaulichen Maßnahmen. Bei richtiger Terminierung kann ein solches System die wichtigsten pilzlichen Krankheiten der Rebe wirksam unterdrücken, ohne intensiv auf synthetische systemische Fungizide zurückgreifen zu müssen.

Besondere Aufmerksamkeit gilt drei zentralen Erregern: Falscher Mehltau, Echter Mehltau und Botrytis (Grauschimmel an Trauben). Der Erfolg des biologischen Pflanzenschutzes beruht vor allem auf Vorbeugung, regelmäßigen Behandlungen und einer präzisen Terminierung der Anwendungen entsprechend dem phänologischen Entwicklungsstadium der Rebe.


Vor dem Austrieb – Reduktion des primären Infektionsdrucks

Der Zeitraum vom späten Winter bis zum frühen Frühjahr ist ideal, um die Menge überwinternder Infektionsquellen zu verringern. Maßnahmen in dieser Phase beeinflussen den Verlauf der gesamten Vegetationsperiode erheblich.

  • Kupferhaltige Präparate (Kupferhydroxid oder Kupferoxychlorid) helfen, überwinternde Stadien des Falschen Mehltaus zu reduzieren und unterdrücken zugleich bestimmte bakterielle Krankheitserreger.
  • Hygienemaßnahmen im Weinberg – das Entfernen mumifizierter Traubenreste sowie das Einarbeiten abgefallener Blätter in den Boden – senken den Infektionsdruck von Botrytis und Falschem Mehltau in der folgenden Saison.

3–6-Blatt-Stadium – Beginn des biologischen Pflanzenschutzes

In diesem Stadium setzen die ersten Primärinfektionen des Falschen Mehltaus ein, und die Infektionsquellen des Echten Mehltaus werden aktiv. Der Pflanzenschutz muss zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig etabliert sein.

  • Bacillus subtilis / Bacillus amyloliquefaciens – mikrobiologische Präparate besiedeln die Blattoberfläche und hemmen die Keimung von Pilzsporen. Sie werden vorbeugend in Abständen von 7–10 Tagen angewendet.
  • Elementarer Schwefel bildet die Grundlage der Bekämpfung des Echten Mehltaus. Seine Wirksamkeit ist bei Temperaturen über 15 °C am höchsten.
  • Aktivatoren der natürlichen Resistenz (z. B. Laminarin aus Meeresalgenextrakten) stimulieren die pflanzeneigenen Abwehrmechanismen und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber Infektionen.
Bacillus subtilis in Serenade – ein natürlicher mikrobieller Schutzschild gegen Pilzerkrankungen
Bacillus subtilis in Serenade – ein natürlicher mikrobieller Schutzschild gegen Pilzerkrankungen

Vor der Blüte – eine der kritischsten Phasen der Saison

Schnelles Triebwachstum und wechselhaftes Wetter schaffen ideale Bedingungen für die Ausbreitung von Krankheitserregern. Infektionen aus dieser Phase bestimmen häufig die spätere Ertragsqualität.

  • Die Anwendung bakterieller Präparate wird in kurzen Intervallen fortgesetzt, insbesondere vor angekündigten Niederschlägen.
  • Schwefel bleibt die Basismaßnahme gegen Echten Mehltau.
  • Bei starkem Befallsdruck durch Falschen Mehltau können niedrige vorbeugende Kupfergaben eingesetzt werden, besonders vor längeren Regenperioden.

Blüte – maximale Empfindlichkeit der Blütenstände

Die Blüte stellt das empfindlichste Entwicklungsstadium der Rebe gegenüber Infektionen durch Falschen Mehltau, Echten Mehltau und Botrytis dar. Der Pflanzenschutz muss wirksam, zugleich aber schonend gegenüber bestäubenden Insekten sein.

  • Bacillus-basierte Präparate sind auch während der Blüte sehr gut geeignet, da sie für Bestäuber unbedenklich sind.
  • Aureobasidium pullulans besiedelt die Blüten und unterdrückt die Entwicklung von Botrytis.
  • Schwefel wird nur bei sichtbarem Mehltaudruck und in schonenden Aufwandmengen eingesetzt.
  • Kupfer kommt während der Blüte nur ausnahmsweise bei extrem hohem Risiko für Falschen Mehltau zum Einsatz.
Info
Das nützliche Bakterium Bacillus subtilis wirkt auf der Pflanzenoberfläche als biologische Schutzbarriere. Es hemmt die Keimung pathogener Pilzsporen, produziert natürliche antimikrobielle Substanzen und stimuliert gleichzeitig die Abwehrreaktionen der Pflanze, wodurch deren natürliche Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten erhöht wird.

Nach der Blüte bis zum Traubenschluss

Diese Phase ist entscheidend für die Gesundheit der Beeren und die spätere Ertragsqualität.

  • Bacillus spp. werden regelmäßig angewendet, insbesondere bei feuchter Witterung.
  • Schwefel wird bis zum Traubenschluss eingesetzt, danach nur noch eingeschränkt.
  • Aureobasidium pullulans hilft, die spätere Botrytis-Entwicklung zu reduzieren, bevor sich die Trauben verdichten.
  • Kupfer wird nur bei anhaltend feuchter Witterung und starkem Befallsdruck durch Falschen Mehltau eingesetzt.

Beerenweichwerden bis Reife

Während der Reifephase stellt Botrytis das größte Risiko dar, insbesondere bei kompakten Trauben und feuchten Bedingungen.

  • Aureobasidium pullulans besiedelt vorbeugend die Beerenoberfläche und begrenzt die Entwicklung von Grauschimmel.
  • Bacillus subtilis unterdrückt oberflächliche Botrytis-Infektionen.
  • Schwefel und Kupfer werden in dieser Phase nur noch ausnahmsweise eingesetzt, um Rückstände und negative Einflüsse auf die Weinqualität zu vermeiden.

Nach der Ernte – Grundlage für den Erfolg der nächsten Saison

Maßnahmen im Herbst sind entscheidend, um den Infektionsdruck im Folgejahr zu reduzieren.

  • Entfernung verbleibender befallener Traubenreste
  • Förderung des Laubabbaus (Mulchen, mikrobiologische Präparate)
  • Herbstliche Kupferanwendung bei starkem Auftreten von Falschem Mehltau

Grundprinzipien eines erfolgreichen biologischen Rebschutzes

  • Behandlungen müssen vorbeugend erfolgen, nicht erst nach Auftreten von Symptomen
  • Bei feuchter Witterung sollten die Intervalle auf 7 Tage verkürzt werden
  • Eine gründliche Benetzung von Blättern und Trauben ist sicherzustellen
  • Eine lockere Laubwand durch rechtzeitiges Entfernen von Seitentrieben fördern, die Stickstoffversorgung regulieren und Blätter in der Traubenzone entfernen
  • Widerstandsfähige Sorten als Grundlage des integrierten Pflanzenschutzes bevorzugen

Ein richtig aufgebautes biologisches Pflanzenschutzprogramm kann den Druck pilzlicher Krankheiten deutlich reduzieren, die Erträge stabilisieren und gleichzeitig die langfristige Gesundheit von Weinberg und Boden fördern.